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Licht und Leinwand - Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert: Daguerre ohne 2.0

Das mit der Fotografie und der Kunst war von Anfang an so eine Sache. Freilich schielten die Künstler nach dem neuen Medium, eigneten sich bald die Techniken an und nutzten das Foto als Arbeitsbehelf, was sie mal mehr und mal weniger auch zugaben. Man erinnert sich womöglich an die wunderbare von Monika Faber für das Belvedere kuratierte Schau „Inspiration Fotografie – von Makart bis Klimt“ aus dem Jahre 2016. Nun erzählt die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe in Kooperation mit dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg über die ambivalente Beziehung zwischen dem Ablichten und dem (Ab)Malen. Für die Fotografie sprach die Genauigkeit und das Tempo, gegen sie und den Anspruch als Kunst verstanden zu sein, sprach die schiere Abbildhaftigkeit. In einer frühen kritischen Betrachtung formuliert es der Genfer Karikaturist und Ästhetiker Rodolphe Toepffer: „Was den Daguerreotypien fehlt, diese Eigenschaft, die für immer die Wunder des Verfahrens von den einfachen Produkten einer intelligenten Schöpfung trennt, ist der Abdruck des menschlichen, individuellen Geistes, das ist die Seele, die sich auf die Leinwand überträgt, das poetische Wollen, das sich in irgendeinem Stil ausdrückt, das ist..., das ist Kunst.“

„Licht und Leinwand. Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert“ mit der sich Leonie Beiersdorf als neue Kuratorin für neuere Malerei und Plastik in Karlsruhe vorstellt, ist solide wie unaufgeregt, was sich womöglich aus dem Umstand erklärt, dass sich die Ausstellung großteils aus den Beständen der beiden kooperierenden Institutionen zusammensetzt. Von den Portraits über Stillleben und Landschaft, bis hin zu Bewegung und Unschärfe werden so alle relevanten Sujets und Themen durchgespielt, die beiden Medien gegenübergestellt. Was einzig und auffallend fehlt, ist der Bereich der Kindertotenbilder, in der frühen Fotografie eines der zentralen Themen. Ein mal nur, doch festgehalten für die Ewigkeit, hatten diese Säuglinge und Kleinkinder ohne Zukunft, ihren Auftritt und vermitteln ein Bild des friedlichen Schlafes.

Im letzten Raum der Ausstellung, etwas abseits vom Parcours, trifft man dann doch noch auf Unerwartetes. Bei aller Begeisterung, die die Daguerreotypie vor 180 Jahren hervorgerufen hatte, waren doch bald Alternativen gefunden, deren Vorteile, nicht alleine in Sachen Reproduzierbarkeit überwogen. Die belichteten Metallplatten Daguerres waren nicht nur Unikate, zeigten das Abgebildete seitenverkehrt und stellten durch die benutzten Quecksilberdämpfe für den Fotografen zudem ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar.
Heute dient die Fotografie mehr der piktoralen Kommunikation denn künstlerischen Ansprüchen. Da erscheinen Daguerreotypien in der täglichen (Social Media) Bilderflut als wahre Trouvaillen. „Tomorrow's History“ nennt sich die Arbeit des japanischen Künstlers Takashi Arai, einer der wenigen, die sich heute mit dieser frühen Form der Fotografie auseinandersetzt. Für seine Raum-Klanginstallation portraitiert er Jugendliche aus dem Umfeld nuklearer Katastrophen, als Enkelgeneration nach Hiroshima oder als Betroffene von Fukushima und befragt sie nach ihren Erwartungen für die Zukunft.

August Sanders „Menschen des 20. Jahrhunderts“, mit seiner neu-sachlichen, klaren Ästhetik scheint hier Pate gestanden zu sein. In der Tat erweist sich eben die antiquierte Technik auch konzeptionell als nachgerade perfekt für diese überaus ernsten, kritisch reflektierten, jungen Menschen mit ihrem anmutigen Erscheinen. Freilich sind Daguerreotypien noch immer Unikate, sie sind noch immer spiegelverkehrt, sie sind noch immer in ihrer Schärfe brillant. All das macht sie nun umso wertvoller.

Licht und Leinwand - Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert
09.03 - 02.06.2019

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
76133 Karlsruhe, Hans-Thoma-Straße 2-6
Tel: +49 721 926 33 59, Fax: +49 721 926 67 88
Email: info@kunsthalle-karlsruhe.de
http://www.kunsthalle-karlsruhe.de
Öffnungszeiten: Di-So 10-18 h


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